Süddeutsche Zeitung

Unsere Kernprodukte

Im Fokus

Partnerangebote

Möchten Sie in unseren Produkten und Services Anzeigen inserieren oder verwalten?

Anzeige inserieren

Möchten Sie unsere Texte nach­drucken, ver­vielfältigen oder öffent­lich zugänglich machen?

Nutzungsrechte erwerben

2100 Euro brutto für die Filmvorführerin

Die 29-jährige Tatjana hat ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht und hat das Labor gegen den Kinosaal eingetauscht.
Foto: Privat/Bearbeitung: SZ Jetzt

Teile diesen Beitrag mit Anderen:

Tatjana hat über einen Nebenjob den Weg in die Welt des Kinos gefunden. Nach einer Ausbildung kümmert sie sich heute in einem Berliner Programmkino um den reibungslosen Ablauf der Filmvorführungen. In ihrer Freizeit schaut sie immer noch gerne viele Filme, am liebsten aber im Kino.

Was ich als Filmvorführerin mache

„Den ganz klassischen Beruf des oder der Filmvorführer:in gibt es so eigentlich nicht mehr. Als man noch viel mit 35-Millimeter-Film gearbeitet hat, war das eher ein Handwerk. Man muss lernen, wie man den Film schneidet und einsetzt. Und wenn bei einem langen Spielfilm die Filmrolle gewechselt werden muss, dann bleibt man die ganze Zeit mit in dem Raum sitzen, um im richtigen Moment die zweite Rolle auszupacken, damit das quasi nahtlos passiert. Durch die Digitalisierung ist es jetzt so, dass man sich mit der Technik auskennen muss und dann eigentlich das ganze Kino schmeißt, zumindest in dem kleinen Kino, in dem ich arbeite. Ich verkaufe Tickets, mache Popcorn, säubere die Säle und kümmere mich dann eben auch um die Filmvorführung. Ich sorge im Kino dafür, dass es eine schöne Vorstellung wird. Dazu gehört, dass das Bildformat stimmt, dass der Ton richtig ist, alle diese technischen Sachen.  

Bei Sonderveranstaltungen oder bei Festivals laufen bei uns auch noch manchmal 35-Millimeter-Filme. Wir haben zum Beispiel jedes Jahr das Pornfilmfestival Berlin hier und da finden eigentlich immer auch analoge Vorstellungen statt. Unsere Chefin ist 35-Millimeter-Profi und versucht, das allen im Team beizubringen. Aber es ist eine Übungssache und wenn man es nicht oft macht, vergisst man die Handgriffe.“

Wie mein Arbeitsalltag aussieht  

„Zu Beginn meiner Schicht sperre ich das Kino auf. An manchen Tagen beginnt die Frühschicht bereits um acht Uhr morgens, wenn etwa Schulkinovorstellungen stattfinden. Unter der Woche starten wir meist gegen 14 Uhr. Die Spätschicht endet zwischen 23 und ein Uhr morgens – während Festivals kann es auch mal bis drei Uhr nachts gehen. Als allererstes gehe ich in die sogenannten Bildwerfräume, also in die Projektionsräume, mache alle Geräte an und fahre die Projektoren in unseren drei Sälen hoch. Dann mache ich die Kasse auf und richte alles her. Ich gucke auch noch mal, ob alle Filmdateien da sind und ob wir alle KDMs – das steht für Key Delivery Message – haben. Das sind digitale Schlüssel für die Filme, die wir zeigen. Für jeden Film braucht man einen KDM. Diese Datei ist für einen bestimmten Zeitraum gültig und schaltet sozusagen die Filmdatei frei. Ohne die KDMs können die Filme nicht abgespielt werden. Danach mache ich das Kino offiziell auf. Im normalen Betrieb sind wir meistens zu dritt.  

Wenn ich zum Beispiel ein Festival vorbereite, muss ich für digitale Vorführungen vorher prüfen: Sind die Dateien vollständig? Ist alles da, was wir brauchen? In welchem Format wird der Film gespielt? Beim 35-Millimeter-Film ist das anders. Der kommt an und dann schmeißt du den in den Projektor.“

Was der Job mit meinem Privatleben macht  

„Seit ich im Kino arbeite, befasse ich mich viel mehr mit Filmen. Ich gucke Filme auch anders. Ich überlege mir dabei: ‚Würde der gut in unserem Programm laufen? Ist das ein Film, den viele Leute sehen sollten?‘ Ich gehe jetzt auch selbst wieder mehr ins Kino, weil es einfach einen Unterschied macht, ob man einen Film auf großer Leinwand guckt oder eben zu Hause am Laptop. Ich würde sagen, bestimmte Filme machen fast nur im Kino Sinn. Zum Beispiel The Lighthouse, das ist ein Film, bei dem würde ich zu jedem sagen: ‚Guck den im Kino!‘ Der ist einfach fürs Kino gemacht. Die Bilder, der Sound, die Geschichte, das Schauspiel – auf einem kleinen, schlechten Bildschirm, geht so viel von der Kraft und der Atmosphäre des Films verloren.“  

Wie ich zum Job gekommen bin

„Während meiner ersten Ausbildung zur Medizinisch-technischen Laborassistentin habe ich aus finanziellen Gründen als Laborassistentin für PCR-Analytik gearbeitet, aber der Nebenjob hat mir nicht wirklich gefallen. Also habe ich mich gefragt, welcher meiner bisherigen Nebenjobs mir wirklich Spaß gemacht hat. Mein allererster Job war in einem riesengroßen Kino in München. Ich habe mir dann überlegt, welches Berliner Kino ich mag  und mich hier auf einen Nebenjob beworben. Und er hat mir so gut gefallen, dass ich gefragt habe, ob ich in dem Kino mit der Ausbildung zur Kauffrau für audiovisuelle Medien anfangen kann. Während der Ausbildung habe ich an drei Tagen in der Woche verschiedene Stationen im Kino durchlaufen und an den anderen zwei Tagen in der Berufsschule Dinge wie Projektorganisation, Rechte und Lizenzen in audiovisuellen Berufen und mehr gelernt. Meine andere Ausbildung habe ich abgebrochen. Nach meinem Abschluss  wurde ich in dem Kino übernommen.“

Welche Fragen ich auf Partys gestellt bekomme

„Eigentlich fragen Leute immer nur: ‚Kannst du so viele Filme gucken, wie du willst?‘ Die Antwort ist: ‚Ja, kann ich.‘ Ich habe quasi das Filmegucken zu meinem Beruf gemacht. Auf Festivals zum Beispiel schaut man jeden Tag mehrere Filme, um zu entscheiden, welche ins Programm passen könnten. Und in meiner Freizeit kann ich kostenlos in verschiedene Berliner Kinos gehen.“

Welche Eigenschaften ich für den Job brauche

„Es ist sinnvoll, wenn man sich mit Technik ein bisschen auskennt. Zumindest so weit, dass man mit einem Computer nicht überfordert ist. Sonst ist es auch gut, multitaskingfähig zu sein. Dadurch, dass ich an der Kasse arbeite, aber gleichzeitig auch die Projektion mache und dann noch darauf achte, ob ein Film vorbei ist oder ob der Saal sauber gemacht werden sollte, muss ich immer aufmerksam sein. Außerdem sollte man offen und freundlich sein, weil man viel mit Gästen zu tun hat und eben nicht nur im Projektionsraum sitzt und Filme abspielt.“

Vorstellung vs. Realität

„Ich hatte vorher schon in einem Kino gearbeitet. Anders als in einem kleinen Indie-Kino waren dort die Bereiche aber sehr klar getrennt. Du hast entweder Tickets verkauft oder die Kinosäle sauber gemacht. Ich dachte, dass es hier auch so sein würde, aber das sind sehr fließende Übergänge bei uns. Unser Team besteht aus etwa 60 Mitarbeitenden, verteilt auf drei kleine Kinos in Berlin. Da ist man eigentlich für alles verantwortlich, was ich sehr schön finde.“

Was bei einer Filmvorstellung alles schief gehen kann

„Das Schlimmste ist, wenn man kurz vor der Vorstellung merkt, dass der Projektor nicht funktioniert oder der Film nicht so läuft, wie er sollte. Es passiert auch manchmal, dass die KDMs nicht da sind. Dann muss man schnell beim Disponenten anrufen, also der Person, die für den Versand der Filmdateien und der Schlüssel zuständig ist, und Bescheid sagen: ‚KDM ist noch nicht da. Was soll ich tun?‘ Der KDM wird dann digital  nachgeschickt, der Film kann freigeschaltet werden und dann ist auch alles gut. Manchmal passiert es aber, dass etwas nicht funktioniert und man das Problem nicht findet. Und während man weiter sucht, warten schon Leute darauf, dass die Vorstellung losgeht. Dann ist man so im Stress, dass gar nichts mehr funktioniert. Das ist wirklich das Allerschlimmste.“

Wie viel ich verdiene

„Ich verdiene ungefähr 2100 Euro brutto bei 140 Stunden im Monat, also etwa 32 Wochenstunden. Dafür komme ich ungefähr vier bis fünf Mal die Woche ins Kino. Das ändert sich, wenn spontan Sonderveranstaltungen reinkommen und ich zum Beispiel auch mal die Moderation dafür mache.

Die Bezahlung ist okay. Meine Kosten sind gedeckt, aber ich werde auch nicht reich davon.

Ich weiß nicht, wie es in anderen Kinos ist, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass die Filmvorführer:innen dort unbedingt mehr verdienen. Ich glaube, um den Job zu machen, muss man wirklich im Kino arbeiten wollen.“

Wie ich auf die Zukunft der Kino-Branche blicke

„Ich bin eigentlich sehr zuversichtlich. Ich weiß nicht, was es für neue Techniken in Zukunft geben wird. Die Projektoren werden wahrscheinlich noch besser, aus 3D-Filmen werden vielleicht VR-Brillen-Filme, aber ich glaube, dass das Kino auf jeden Fall bestehen bleibt. Denn viele Filme machen einfach mehr Spaß im Kino.

Ich habe das Gefühl, dass seit Jahren immer wieder Leute behaupten: ‚Es kommt das große Kinosterben.‘ Aber Leute haben Lust, ins Kino zu gehen, denn es geht ja auch um das Erlebnis. Ich denke eher, dass Streamingdienste aussterben, wenn ich ganz ehrlich bin. Leute sind nur noch genervt davon, weil es jetzt so viele Streaming-Anbieter gibt und man für jeden ein Abo abschließen muss. Das hat gut funktioniert während der Corona-Pandemie, aber ich glaube, es hat den Höhepunkt erreicht.“

  • merken
  • teilen
  • schließen