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Einigkeit und Recht und Gewissheit? Online Wahltools im Test
Umfragen zufolge sind 46 Prozent aller wahlberechtigten Deutschen noch unentschieden. Ich bin eine von ihnen. Genauer gesagt, ich bin seit Wochen hin und her gerissen. Wie ein Fähnlein im Wind drehe ich mich, je nach politischer Großwetterlage, in die eine oder andere Richtung. Erst der Schulz-Hype, dann die Flaute, dann Merkels Youtuber-Interview, dann das Kanzlerduell, dann Schulz’ Youtuber-Interview und mittendrin stehen ich und meine große Ratlosigkeit.
Verschiedene Wahltools versprechen den Unentschiedenen Klarheit zu bringen. Aber werfen sie tatsächlich alle das gleiche Ergebnis aus oder sind auch sie sich uneinig? Und wie sehr stimmen die Ergebnisse mit meinen Erwartungen überein?
Mein persönliches Dilemma sieht, dem Parteienspektrum von links nach rechts folgend, so aus: Die Linke ist mir zu krass. Die SPD schlägt sich nur solala, aber ich finde Martin Schulz ganz gut und ein bisschen frischer Wind täte den starren GroKo-Strukturen vielleicht gut. Die Grünen hab ich schon einmal gewählt, aber so richtig gut fühlt sich das auch nicht mehr an. Merkel finde ich schon gut, aber ansonsten verbindet mich wirklich kaum etwas mit der CDU. Die FPD? Haha, ne. Über die AfD brauchen wir gar nicht erst reden. Sie ist rechtspopulistisch, menschenfeindlich und ziemlich rückschrittig.
Ich befrage vier verschiedene Wahltools nach ihren Empfehlungen: Den Wahl-O-Mat, DeinWal.de, den Musik-O-Mat und den WahlSwiper. Wer genau wissen möchte, wie diese Wahltool funktionieren und was sie können, findet hier weitere Informationen. Ich erwarte bei meinem Selbstversuch ein Ergebnis, das sich zwischen SPD und den Grünen bewegt. Und das haben die Wahltools tatsächlich für mich ausgespuckt:
Zunächst einmal: Nein, die Wahltools werfen nicht alle das gleiche Ergebnis aus. Das war auch ein bisschen zu erwarten – immerhin stellen sie auch nicht die gleichen Fragen. Die Ergebnisse sind eher linksorientiert: Bei zwei Wahltools sind die Grünen vorne, die Linke ist zweimal der “Gewinner”, wobei sie beim WahlSwiper mit den Grünen gleichauf sind. Das passt zwar ungefähr zu dem, was ich erwartet habe, dass meine Übereinstimmung mit der Linken so groß ist, ist mir allerdings neu.
Außerdem wundert es mich, dass auf Platz vier jeweils einmal die CDU und die FDP auftauchen und dass meine Antworten mit ihren noch immer zu mehr als 50 Prozent übereinstimmen. Was mir auch auffällt: Die Ergebnisse liegen manchmal ganz schön nah beieinander. Wenn, wie beim Wahl-O-Mat, 75 Prozent meiner Antworten mit denen der Linken übereinstimmen und sie gleichzeitig mit 71,1 Prozent, also nur knapp vier Prozentpunkte weniger, mit denen der Grünen übereinstimmen, dann frage ich mich, wo ist denn da eigentlich der Unterschied zwischen den Parteien?
Die fehlenden Unterschiede können zum einen an der mangelnden Profilschärfe, die den Parteien vorgeworfen wird, liegen, zum anderen aber auch an dem ziemlich weichgewaschenen Wahlkampf, der scheinbar ganz ohne konkrete Forderungen und Abgrenzungen vonstattengeht. Die Wiederwahl ist das oberste Ziel. Und so kommt es, dass die Antworten alle ziemlich gleich und konsensfähig sind. Schließlich überlegen sich die Parteien ja auch, welche Antworten am ehesten der populären Meinung entsprechen, sodass sie bei möglichst vielen Nutzern weit oben stehen.
Zumindestens nach zweien der Wahltools zu urteilen, läge meine politische Präferenz also bei der Linken. Etwas in mir widerstrebt sich dieser Vorstellung. Bisher kam es mir nie in den Sinn, meine Stimme(n) der Linken zu geben. Ihre Positionen sind mir einfach zu radikal. Zumal die Distanz zum Zweitplatzierten nicht sonderlich groß ist. Aber so richtig gut finde ich das alles nicht und es kommt in mir ein Gedanke auf, den ich eigentlich nicht haben möchte: “Ist doch eh alles das Gleiche!”
Mein Selbstversuch, alle Wahltools einmal auszuprobieren, hat mir zumindest eine grundsätzliche politische Richtung deutlich gemacht. Die stand aber eigentlich gar nicht zur Debatte. Vielmehr haben die Wahltools den Kreis der für mich wählbaren Alternativen noch vergrößert. Die Linke scheint wohl doch gar nicht so abwegig. Die Verwirrung ist also sogar noch ein wenig größer als zuvor.