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„Wir können als Duden-Verlag nicht so tun, als ob es das Gendern nicht gäbe“

Foto: dpa; Bearbeitung: jetzt

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„Fleischer, der“. Unter diesem Eintrag stand im Online-Duden früher „jemand, der Vieh schlachtet“. Jetzt steht da: „männliche Person, die Vieh schlachtet“. Und nicht nur das. Es gibt nun auch einen Eintrag für die Fleischerin: „weibliche Person, die Vieh schlachtet“. Wenn man vorher „Fleischerin“ in die Suchmaschine eingab, dann kam bloß der Verweis auf den männlichen Eintrag. 

„Deshalb sind wir in den vergangenen Jahren umfangreich kritisiert worden und, wie wir finden, im Grunde auch zurecht“, sagt Kathrin Kunkel-Razum, Chefredakteurin des Dudens, am Telefon. Hauptsächlich ging es bei der Kritik darum, dass in den alten Artikeln die weibliche Form nur als Ableitung von der männlichen existiere. Deswegen arbeitet der Duden den weiblichen Eintrag gerade aus – zumindest online, für die Druckfassung stellt sich währenddessen noch ein Platzproblem. Geplant ist die Änderung dort bislang noch nicht. 

Schafft der Duden auch das generische Maskulinum ab?

„Unser Hauptanliegen war es, zu präzisieren: Und dazu gehörte auch, die weibliche Form auszuarbeiten“, so Kunkel-Razum. Aber schafft der Duden dadurch gleich auch das generische Maskulinum ab (also das automatische Mitmeinen der weiblichen Form, ohne diese explizit zu nennen)? 

„Wir schaffen überhaupt nichts ab. Wir präzisieren“, sagt Kunkel-Razum. Denn beim Eintrag „Fleischer“ die Beschreibung um „männliche Person“ zu ergänzen, ist schlicht präziser – schließlich versteht man unter „der Fleischer“ keine Frau. Anders verhalte es sich nach Kunkel-Razum aber bei Formulierungen wie: „Ich gehe jetzt zum Arzt“, dort sei das generische Maskulinum korrekter. Denn damit könne auch die Arztpraxis gemeint sein, wo man sich ein Rezept abholt, ohne dabei Ärztin oder Arzt zu begegnen.

„Natürlich wissen wir um die Macht, die an der Marke Duden hängt“

Kritik erntete diese Änderung von der Tageszeitung Die Welt, die titelte: „Wie der Duden heimlich gegendert wird“. Heimlich sei dies aber nicht passiert: „Die Ausarbeitung der weiblichen Formen geschieht bei uns im Rahmen der normalen, ständig laufenden redaktionellen Arbeit“, erklärt Kunkel-Razum. Alle neuen Personen- und Berufsbezeichnungen werden automatisch in weiblicher und männlicher Form aufgenommen – „der Influencer“ und „die Influencerin“ zum Beispiel. Alle, die es bereits gibt, werden seit Sommer 2020 nacheinander korrigiert und online gestellt. Wirklich neu ist die Eintragsregelung also auch nicht.  

Aber in welcher Rolle sieht sich der Duden-Verlag im Hinblick auf gendersensible Sprache? „Natürlich wissen wir um die Macht, die an der Marke Duden hängt. Es ist nicht unsere Aufgabe vorzuschreiben, was jemand tun und lassen sollte. Aber wir können als Duden-Verlag nicht so tun, als ob es das Gendern nicht gäbe“, sagt Kunkel-Razum. Immer mehr Leser*innen hätten gendersensible Sprache gefordert. Deswegen hat der Verlag in der Vergangenheit bereits Ratgeber herausgebracht: „Richtig gendern“ zum Beispiel. Das sei als Angebot, als Möglichkeit zu verstehen, nicht aber als Vorschrift. Schließlich gibt es viele unterschiedliche Möglichkeiten zu gendern und nicht die eine.

Der Duden sieht sich da also eher in einer außenstehenden Rolle: Der Verlag beobachtet, wie sich der Sprachgebrauch gesellschaftlich verändert, um dann darauf zu reagieren. „Wir sind demgegenüber natürlich offen, weil es ein gewaltiges gesellschaftliches Diskussionspotential gibt. Es wäre fatal, wenn sich ein Verlag, der sich mit Sprache beschäftigt, dem vollkommen verschließen würde“, beteuert die Chefredakteurin Kathrin Kunkel-Razum. Ob sich gendersensible Sprache langfristig durchsetzen wird, kann sie nicht vorhersagen. Aufmerksam beobachten werde es der Duden aber bestimmt. 

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