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„Vier Monate ohne Meereis sind vier Monate ohne Einkommen“

Dass es immer weniger Meereis gibt, führt auch dazu, dass die Eisbären immer näher an die Siedlung der Jäger:innen kommen.
Foto: Aleqatsiaq Peary/Bearbeitung: SZ Jetzt

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Die Auswirkungen der Klimakrise bedrohen die Lebensgrundlage von Menschen weltweit. An manchen Orten sind die Folgen schon heute besonders zu spüren. In den Klimatagebüchern berichten Menschen davon, wie sich das Leben in ihren Regionen durch die Klimakrise verändert. 

In der 17. Folge berichtet Aleqatsiaq Peary, 40, warum er sowohl große Konzerne als auch jede einzelne Person in der Verantwortung sieht und beschreibt, wie das immer dünner werdende Eis den Jäger:innen das Leben massiv erschwert. 

„Vor 30 Jahren sind wir als Kinder im Oktober auf dem Eis Schlittschuh gelaufen. Manchmal sogar Ende September. Seit Anfang der 2000er Jahre hat sich das stark verändert. Das Meer friert immer später zu. Mittlerweile ist das Wasser so warm, dass das Eis teilweise bis Ende Dezember noch nicht dick genug ist. Dann können wir die Dörfer, in denen unsere Jagdreviere liegen, nicht besuchen, da es kein Meereis gibt. Zusätzlich ist es hier in den Wintermonaten die meiste Zeit des Tages komplett dunkel, nur ein paar Stunden lang haben wir schwaches Licht. Man sieht also kaum etwas. Es ist zu gefährlich, über das Eis zu fahren, ohne zu sehen, ob es hält. Diesen Winter konnte ich erst Mitte Januar in die Bucht fahren, in der wir normalerweise fischen. Das ist sehr spät.  

Wenn das Eis erst so spät im Winter kommt, bedeutet das für uns Jäger:innen, dass wir während dieser Wartezeit kein Einkommen haben – diesen Winter waren es fast vier Monate. Doch ich muss meine Familie ernähren und meine Hunde füttern. Also habe ich, wie andere Jäger:innen auch, Spendenaufrufe in Südgrönland und anderen Teilen der Welt gestartet. Als ich begann, auf Social Media über unsere Situation zu berichten, kontaktierten uns viele Menschen aus Südgrönland. Mit ihnen konnten wir ein größeres Bewusstsein für unsere Situation schaffen. Denn von der Regierung bekommen wir kaum bis keine Unterstützung. Wir haben in den vergangenen vier Monaten immer wieder auf unser Problem aufmerksam gemacht. Es soll nun Zahlungen geben, aber bisher haben wir nichts bekommen. Es ist nicht das erste Mal, dass das Eis länger ausbleibt. Das große Problem sind die Hitzewellen im Winter. Vergangenen Dezember hatten wir Temperaturen von +2 Grad Celsius. Zu dieser Jahreszeit lägen die normalen Temperaturen um -30 Grad Celsius. Hier in Qaanaaq sind wir etwa 85 Jäger:innen, inklusive der Alten, die nicht mehr selbst jagen, aber ihr Wissen teilen. Einer unserer ältesten Jäger erzählte, dass seine Vorfahren von einem ähnlich warmen Winter berichtet hatten. Das war aber vor etwa hundert Jahren.

Heute gibt es viel mehr Eisbären bei uns in der Gegend als früher

Da wir nun schon einige schlechte Winter hatten, versuchen wir natürlich, uns vorzubereiten. Über den Sommer legen wir Fleischvorräte an. Dieses Jahr haben sie nicht gereicht. Darüber wütend zu sein, bringt nichts. Wir können die Natur nicht kontrollieren. Aber es ist frustrierend, wenn die Regierung überhaupt nicht hilft. Viele Familien hier leiden gerade. Und das Jagen ist ohnehin ein harter Beruf, du musst gewissermaßen alles selbst können: Du musst Tierärzt:in sein für deine Hunde, du muss jagen, schlachten, die erlegten Tiere transportieren und dein Auto oder Schneemobil selbst reparieren können.    

Wir sprechen hier sehr viel über die Klimakrise. Denn das Meereis ist im Winter unsere Lebensgrundlage. Ich berede mit den anderen Jäger:innen, wie wir uns anpassen können. Es gibt aber noch keine konkreten Pläne. Wir sehen, dass sich mit den Umweltveränderungen auch das Verhalten der Tiere verändert. Heute gibt es viel mehr Eisbären bei uns in der Gegend als früher. Das dünne Meereis trägt die Bären nicht mehr. Deswegen müssen sie viel weiter schwimmen oder sich nahe am Festland aufhalten, um zu ihrer Beute zu gelangen. Zum Teil kommen sie jetzt bis in unsere Siedlung. In der ganzen Gegend sieht man ihre Pfotenabdrücke, sie riechen das Fleisch in den Vorratslagern am Stadtrand. Deswegen sagen wir unseren Kindern mittlerweile, dass sie in der Dunkelheit nicht zu weit auf das Meereis hinaus gehen sollen, weil die Bären so nah sind.

Wir können hier nicht leben wie in Europa, wir haben eine ganz andere Umwelt

Durch die wärmeren Wassertemperaturen haben wir hier im Norden nun auch Fischarten, die traditionell eher im Süden der Insel vorkommen, etwa Kabeljau.  

Es ist zu leicht, die Schuld nur den großen Unternehmen und der Industrie zu geben. Denn letztendlich nutzen wir alle die Produkte, die sie herstellen. Wir müssen alles neu denken: Wie wir Energie erzeugen, wie wir Müll reduzieren und Materialien, die schon vorhanden sind, weiterverwenden können. Das Meer ist voller Plastik. Wir sollten es rausholen und nutzen, statt immer noch mehr zu produzieren und die Erde auszubeuten. Es ist eine Schande, dass so viele Menschen vergessen haben, Teil der Natur zu sein. Man muss sie fühlen, riechen, in ihr schlafen. Sonst kann man sie nicht verstehen und lieben. Wir leben in sehr engem Kontakt mit der Natur, in unserer Umgebung ist die Jagd überlebensnotwendig. Deswegen ist mir wichtig, dass die Menschen verstehen: Wir können hier nicht leben wie in Europa, wir haben eine ganz andere Umwelt. Immer wieder werden wir von Menschen aus westlichen Ländern verurteilt, die sagen, unsere Jagd wäre brutal, zum Beispiel in Online-Kommentaren auf Youtube. Das ist absurd für mich. Im Westen werden Tiere in Massen und kleinen Käfigen gehalten, die Tiere leiden. Unsere Tiere sind ihr Leben lang frei, sie haben nicht gelitten.    

Seit ich denken kann, ist der Meeresspiegel hier angestiegen. Ich kann nur hoffen, dass meine Kinder später noch so leben können, wie sie gerne wollen. Wir Menschen stammen alle von den gleichen Vorfahren ab, wir haben uns überall auf der Welt an verschiedene Bedingungen angepasst. Wenn wir der Natur helfen wollen, müssen wir unseren Lebensstil ändern, und zwar schnell.“ 

Mehr Informationen zur Klimakrise in Grönland 

Die Arktis erwärmt sich durch den globalen Klimawandel fast viermal schneller als der Rest der Welt. Der grönländische Eisschild ist nach der Antarktis die zweitgrößte Eisfläche. Die steigenden Luft- und Wassertemperaturen sorgen für ein Abschmelzen: Allein durch den Gletscherrückgang dort hat der Eisschild seit 1985 eine Trillion Tonnen Eis verloren. Das sorgt für einen enormen Süßwasserzufluss, der den Salzgehalt des Nordatlantik verändert und dadurch auch wichtige Meeresströmungen wie die Atlantische Umwälzströmung (AMOC) beeinflusst. Sollte diese zum Erliegen kommen, hätte das weitreichende klimatische Folgen für den ganzen Planeten, etwa veränderte Regenfälle und wo Nahrung angebaut werden kann. Fast 90 Prozent der Bevölkerung Grönlands gehören der Ethnie der Inuit an, ein großer Teil der Kultur und des Lebens basiert auf dem Vorhandensein von (Meer)Eis. Bricht dieses buchstäblich weg, wird den Menschen dort ihre Lebensgrundlage entzogen, da sie nicht mehr jagen und sich somit ernähren können

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